Carmen in “Kungliga Operan”

Meine Freundin Hedda schaute stirnrunzelnd auf ihren Handybildschirm, als sie letzten Donnerstag in Kungliga Operan während der Theaterpause des Stückes „Carmen“ das Jahr googelte, in dem das Werk zum ersten Mal auf einer Bühne inszeniert wurde. Dass man im Jahre 1875 eine emanzipierte, rational denkende, selbstbewusste Frau als Hauptfigur eines Theaterstücks auftreten ließ, passte nicht in unsere Logik. Man kann sich vorstellen, dass sich zu einer Zeit geprägt von tiefen konservativen Anschauungen dieser Anachronismus nur schwer in die Kultur einbinden ließ – der französische Komponist Georges Brizet war zweifellos seiner Zeit voraus. Mit dieser Oper sprengte er den Rahmen, der das traditionelle Frauenbild aufrecht hielt.

Das Werk erzählt die Geschichte von Carmen, die in einer Fabrik in Sevilla, Spanien, arbeitet. Mit ihrer charmanten Art gelingt es ihr, jeden Mann ihrer Wahl zu verführen und nach ihrem Willen um den Finger zu wickeln – ein Talent, das es ihr ermöglicht aus der Fabrik auszubrechen. Sie hat sich in einem Mann namens José verliebt und er in sie. Jedoch lässt ihre Einstellung zum Thema Liebe den Zuschauer schon früh voraussehen, dass die Beziehung kein glückliches Ende nehmen wird. Carmen möchte frei lieben und sich niemandem unterwerfen. So wie sie es selber in dem weltbekannten Lied „Habanera“ formuliert: Die Liebe ist wie ein freier Vogel den man niemals zähmen kann. Als Carmen Gefühle für den berühmten Stierkämpfer Escamillo entwickelt und das Interesse an José verblasst, nimmt die Geschichte eine dramatische Wendung. Seine Liebe zur Carmen und Eifersucht gegenüber seinem Rivalen treiben ihn in den Wahnsinn. José verliert den Verstand und bringt seine geliebte Carmen um.

Trotz ihres unglücklichen Schicksals, denke ich, dass, wenn Carmen die Wahl gehabt hätte, sie wahrscheinlich den Tod bevorzugt hätte, als sich einengen zu lassen und ihren Prinzipien zu entweichen. In ihrem Zwiespalt zwischen ihrer Freiheit und dieser Liebe entscheidet sie sich für die Freiheit. Georges Bizet gelang es mit seinem zeitlosen Stück Themen zu verkörpern und musikalisch umzusetzen, mit denen jeder sich identifizieren kann.

Es ist schwer zu sagen, ob hauptsächlich das Orchester, die umwerfenden Stimmen der Opernsänger oder der auf einer Leinwand mitreißend übersetzte Text die Gänsehaut bescherte. Die drei Komponenten hätten selbst getrennt voneinander das Publikum hinreißen können. Die Zusammensetzung der Komponenten hinterließen jedoch einen Eindruck, der noch Tage nach der Vorführung lebendig blieb.

Das Orchester spielte Melodien, mit denen man sich schon lange zuvor angefreundet hatte. Erst im Laufe des Stückes sah ich dadurch ein, was „Carmen“ in der Opernwelt für eine Stellung hat. Weniger beeindruckend fand ich die Inszenierung. Das Mantra „weniger ist mehr“ ist scheinbar nicht auf jeden Kontext übertragbar. Meiner Meinung nach gab es eine starke Dissonanz zwischen der imposanten Kraft des Inhalts und dem, im Verhältnis, banalen und einfachen Bühnenbild. Beispielsweise die alltäglichen Kostüme oder der leicht pathetische Stier aus Plastik. Darüber hinaus wurden bewusst zahlreiche moderne Elemente in das Werk eingeflochten. Beispielsweise, dass Carmen mit ihren Freundinnen, wie in einer Szene aus dem Film „Mamma Mia“, beim Tanzen das „Peace-Zeichen“ machten oder das Publikum bei einem Stierkampf mit seinen iPhones in der Luft wedelte. Es mag ein mutiger Eingriff der Regisseurin Johanna Garpe gewesen sein, sich diese Freiheit bei der Umsetzung dieses etwa 150 Jahre alten Stücks zu nehmen – Geschmackssache. Persönlich hätte ich mir eine klassischere Version gewünscht. Als wir nach dem Theaterbesuch unsere Gedanken austauschten stellte sich heraus, dass mehrere die Meinung teilten, dass das Gewicht des Inhalts dadurch etwas entschärft wurde. Manchmal sollten gewisse Dinge unretouchiert bleiben.

Nun ist eine Woche vergangen seit unserem Besuch in der Kungliga Operan. Das Lied „Habanera“ aus dem ersten Akt wird wahrscheinlich trotzdem noch eine Weile auf dem Weg zur Schule auf Spotify laufen. Aber vor allem die Botschaft hat sich ins Gedächtnis eingegraben. Auch wenn nichts größer als die Liebe scheinen mag, gibt es etwas, das noch viel bedeutender ist: die Freiheit, und zwar um jeden Preis.

Matilda Johansson, 12b