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Mehr Recht als Brecht

p1070349Jedes Jahr, wenn das Schuljahr sich dem Ende neigt und alle sich nach Ferien sehnen, beginnt das große Grübeln: Was bringen wir im neuen Schuljahr auf die Bühne? Aktuell soll es sein und den vielfältigen tänzerischen, sängerischen und schauspielerischen Fähigkeiten unserer Schüler entsprechen. Da kam uns die 1728 von John Gay verfasste „Beggar’s opera“ gerade recht. Nun, nicht ganz, war es doch Brecht, der sich dessen Vorlage bediente und die allseits bekannte „Dreigroschenoper“ schrieb –ziemlich genau 200 Jahre später. Und noch ein Nobelpreisträger hatte seine Finger im Spiel und seinen Gay und Brecht sehr wohl gelesen: Dario Fo. Er nämlich ist der Autor der „Oper vom großen Hohngelächter“, die 1981 erschien. 

Was ist das für ein Stoff, der so viele Nachahmer findet und auch uns gereizt hat, ihn 2014 auf die Bühne zu bringen? Geschildert wird der Konkurrenz- und Existenzkampf zwischen zwei „Geschäftsleuten“, dem Bettlerkönig Peachum, der Bettler erpresst und sie so ausstattet, dass sie das Mitleid der Passanten erregen, und einem Verbrecher (Macheath), der gute Beziehungen zum Polizeichef (Brown) von London hat. Fo „verfeinert“ das Szenario mit modernen Entwicklungen, sein Peachum schickt die Bedürftigen nicht mehr zum Betteln auf die Straße, sondern nutzt die Lücken im sozialen Netz, um seine Klienten mit Geld oder Papieren zu versorgen, natürlich nicht, ohne selbst dabei ordentlich abzuschöpfen.

Angesichts von Korruptionsaffären, Steuer-und Sozialbetrug doch durchaus aktuelle Themen. Dank der Musik Kurt Weills und moderner, am Streetdance orientierter Titel konnten auch die Schulband und unsere Tänzer integriert werden und so entstand zusammen mit der Tanzpädagogin Alexandra Schwartz und dem Leistungskurs Deutsch unter meiner Leitung in Gesamtleitung von Irene Rieck, die auch mit den Sängern und der Band an neuen oder geänderten Arrangements arbeitete, „Mehr Recht als Brecht“- mit Reminiszenz an wenigstens einen Urheber.

Doch bei uns wurde aus dem Bettlerkönig die clevere Geschäftsfrau Bonny Bittsteller (Moana Ackermann), die mit ihrer Gattin Celia (Fidelia Ritz) ihr Geschäft mit dem sozialen Elend macht.

p1070391Gespielt, gesungen und getanzt wurden die Rollen von Schülern der 8.-12. Klassen sowie den ehemaligen Schülern Anna Schmitz in der Hauptrolle, Matthias Ohlson Gesang und Keven Bader als Pfarrer. So konnten die „alten Hasen“ den Novizen bei ihren ersten Gehversuchen auf der Bühne helfen, doch auch die Alten lernten dazu, Anna z.B., wie schwer es ist ein Mann zu sein. Sicher werden auch die beeindruckenden Stimmen von Caroline Odenmann und Matthias Ohlson den Zuschauern noch lange in Erinnerung bleiben genauso wie die originelle Choreografie. Nicht vergessen werden sollen auch unsere engagierten Tontechniker und Beleuchter, die unter der Leitung von Kristoffer Wasner und Christopher Kansy für die richtige Stimmung, und Izabella Källholm und Lara Mbaye, die für die Kostüme und Schminke sorgten.

Der Applaus ist kaum verklungen, der Mai vor der Tür und mit ihm die Frage: Was spielen wir im nächsten Jahr?

Heike Schulze